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Todesurteil für Kavlico in Minden

Die Mindener Firma Kavlico, jetzt Sensata Germany, war eine der schwarzen »Plusziffern« in den diversen Wirtschaftsstatistiken. Die Belegschaft entwickelte und produzierte sehr spezielle Drucksensoren für Industrie, Luft- und Raumfahrt.
 Seit 1999 wuchs die Belegschaft von 15 auf fast 200 Beschäftigte in Minden. Von den Beschäftigten sind viele über 15 Jahre fester Bestandteil eines stetig innovativen und erfolgreichen Unternehmens. Man wuchs zu einer großen Familie zusammen und fing an, Nachwuchs auszubilden. Zwar gab es auch schon mal schwere Zeiten, aber der Umsatz und Gewinn wuchsen stetig.
Es gab keine Tarifbindung, keinen Betriebsrat. Nur Vertrauen. Man hielt sich für unschlagbar, man hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Das Investoren und andere Unternehmen sich für Kavlico interessierten, war der Belegschaft zunächst nicht suspekt. Im Gegenteil: Ein innovatives Unternehmen mit patentierter Fertigungstechnologie, deutscher Qualität und Zuverlässigkeit bei gleichzeitig hoher Gewinnspanne. Na, das ist doch was, oder?
Dezember 2015: Kavlico wurde vom größten Konkurrenten im Automotive-Bereich, der Sensata Technologies mit Sitz in den USA gekauft. »Großes« sollte erreicht werden. Einkaufssynergien, Ausbau der Produktion, Wachstum und so weiter. Zum »Gelingen« wurde Kavlico in die Sensata-Struktur integriert. Und das bedeutete Masse, Masse, zentralisieren, was nur ging. Das genaue Gegenteil von Kavlico.
Zwar läuteten die ersten Alarmglocken – aber nein, alles wird »great«, schwärmte Sensata. Im Frühjahr sah man jedoch den Kavlico-Geschäftsführer kaum noch im Unternehmen. Und vor seinem Abgang verkündete er, »alles getan zu haben, um der Sensata-Gruppe eine zukunftsfähige und wirtschaftliche Lösung zu präsentieren«. Wenig später wurde der Belegschaft die Auslagerung von ersten Betriebsteilen verkündet. Jetzt handelte die Belegschaft, wählte sich mit Unterstützung der Mindener IG Metall einen Betriebsrat. Und der stellte Fragen. Fragte nach der Wirtschaftlichkeitsrechnung einer möglichen Schließung. Fragte nach möglichen Alternativen. Antworten? Keine – oder höchstens, das sei alles »Strategie«, also nichts anderes als die Beseitigung der lästigen Konkurrenz.

Derzeit finden Verhandlungen über einen Sozialplan statt. Das Unternehmensangebot bezeichnet Andreas Bilz (Foto rechts), zuständiger Sekretär der Mindener IG Metall »als ein Angebot, das diesen Namen nicht verdient«. »Aber immerhin«, so Bilz, »gibt es überhaupt Sozialplanverhandlungen. Und die gibt es nur, weil die Belegschaft sich gerade noch rechtzeitig einen Betriebsrat gewählt hat. Ohne Betriebsrat hätten die den Laden zum Nulltarif dichtmachen können«.